Dissertationsprojekt Sven Jäger, M.A.

Frühe Alamannen zwischen Rhein, Neckar und Enz

Der Mythos Alamannen

Dass das über viele Jahrhunderte vergessene Alamannenthema, wie im vorigen Abschnitt erläutert, im späten 18. und besonders im 19. Jahrhundert einen derart starken Anklang fand, hat vielerlei Gründe. Einer der Hauptgründe lag sicherlich im nun mehr und mehr durchdringenden Humanismus, der nach einschneidenden politischen Ereignissen wie der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen in Europa weite Bevölkerungsschichten erfasste. Besonders im Bürgertum erblühte ein starkes Interesse an Naturwissenschaften und Geschichte. Zudem wurde der Historismus auch dadurch besonders stark gefördert, dass im napolenischen und nachnapoleonischen Europa zahlreiche kleine und größere "Nationen" enrstanden und zum Teil geformt wurden, deren Grenzen oftmals unscharf und künstlich gezogen wurden. Nachvollziehbar ist das Bedürfniss vielen dieser Strukturen nach Identität, Legitimierung und Vergangenheit.

Wenngleich es im Kern auf ältere Wurzeln zurückreicht, so zählte ebenfalls das unter Napoleon entstandene Großherzogtum Baden zu diesen frisch zusammengeführten "Nationen". Nicht zuletzt durch den Dichter Johann Peter Hebel, der am 10. Mai 1760 in Basel geboren wurde und bis zu seinem Tod im Jahr 1826 in der badischen Residenzstadt Karlsruhe lebte, sah man damals in den germanischen Alamannen mindestens einen "Stamm" oder im Extremfall gar ein kämpferisches "Volk", welches nach den Vorstellungen des damaligen Zeitgeistes und der nationalen Bewegungen romantisch verklärt, aus heutiger sicht zum Teil beinahe surreal überhöht wurde. Aus diesem Mythos schließlich erschloss sich den Menschen ein erstrebenswertes Bild der Vergangenheit, welches in sich von vielen einem Ur- oder Schöpfungsmythos gleich als idenditätsbildend angesehen wurde.

Karte des souveränen Großherzogtums Baden (1806 bis 1918), welches unter Napoleon aus weit verstreuten Besitzungen zu
einem territorial weitestgehend geschlossenen Staatsgebilde geformt wurde

Wie kam es allerdings, dass sich aus einem starken Interesse an der regionalen Geschichte letztlich ein aus moderner Sicht zuweilen grotesk verklärtes Vergangenheitsbild formte? Am Beginn des 19. Jahrhunderts konnte noch nicht auf eine entwickelte Archäologie zurückgegriffen werden. Da von den Alamannen (bis heute) abgesehen von einigen kurzen, zumeist einzeiligen Runen- oder runenähnlichen Inschriften keinerlei zusammenhängende Texte überliefert sind, bot sich zu Hebels Zeiten im 18. und 19. Jahrhundert keine Möglichkeit zur Aufklärung durch eine direkte und ungetrübte Quelle. Dieser, aus germanischer Sicht sicher mangelnden Überlieferungssituation gegenüber stand aus dem römischen und byzantinischen Raum allerdings verhältnismäßig umfangreiches Textmaterial gegenüber, welches damals vielen Bürgern bekannt gewesen ist. So waren es römische Schriften, wie zum Beispiel die "Germania" (De origine et situ Germanorum liber) oder die "Annalen" (Annales) des römischen Schriftsellers Publius Cornelius Tacitus aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., die den aufgeklärten Bürgern des 19. Jahrhunderts durchaus geläufig gewesen sind.

Den römsichen Überliferungen folgend erschloss sich den geneigten Lesern damals ein Bild der Germanen/Alamannen, welches - blickt man heute quellenkristisch zurück - im römisch-propagandistischen Sinne sicherlich ein politisch gewolltes Zerrbild hervorrief. Dass sich dieses Bild auch Jahrhunderte nach dem Ende des römischen Imperiums letztlich noch weitertradieren musste, kann man treffend an der Übersetzung von Manfred Fuhrmann beispielsweise über die Wehrfähigkeit der Germanen, Kapitel 15, erkennen:
"Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegslustigsten rühren sich nicht. Die Sorge für Haus, Hof und Feld bleibt den Frauen, den alten Leuten und allen Schwachen im Hauswesen überlassen; sie selbst faulenzen. Ein seltsamer Widerspruchihres Wesens: dieselben Menschen lieben so sehr das Nichtstun und hassen zugleich die Ruhe.
Zur Kleidung, Kapitel 17, weiß Tacitus zu berichten:
"Allgemeine Tracht ist ein Umhang, mit einer Spange oder notfalls einem Dorn zusammengehalten. Im übrigen sind sie unbekleidet; ganze Tage verbringen sie so am Herdfeuer. Nur die Reichsten haben Untergewänder, nicht wallende, wie die Sarmaten und Parther, sondern eng anliegende, die jedes Glied erkennen lassen. ... Die Frauen sind nicht anders gekleidet wie die Männer; nur hüllen sie sich öfters in Umhänge aus Leinen, die sie mit Purpurstreifen verzieren." Zwar schrieb Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. allgemein über germanische Sitten, Traditionen und Lebensbedingungen und nicht über die Alamannen im Speziellen, die erst viel später ab dem späten 3. Jahrhundert auftraten, doch finden sich viele seiner Beschreibungen in Texten und Bildern des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu den Alamannen wieder.
Aber auch in Texten, die diurekt Bezug auf Alamannen nehmen ist der Mythos nopch zu fassen. So schreibt schreibt der römische Schrifsteller Ammianus Marcellinus im 4. Jahrhundert über kämpfende Alamannen (Schlacht am Gardasee, 268 n. Chr.):
„Sie stürmten vor, mehr mit Eile als mit bedacht. Sie warfen sich auf unsere Reiter, noch rasender als sie es sonst tun. Hinter ihnen flatterte ihr Haar und aus ihren Augen blitzte der Wahnsinn“. Nachvollziehbar ist, dass derartige Passagen die Fantasie vieler Leser anregten und in der Folge zu zahlreichen Interpretationen führten, die das Bild der Alamannen und deren Lebenswelt damals maßgeblich prägten.

Ein Bildnis des Publius Cornelius Tacitus
(ca. 56-117 n. Chr.) nach der Vorstellung der Renaissance

Wie Tacitus oder Ammianus Marcellinus erzeugten die römischen und byzantinischen Schrifsteller im Rahmen einer Art "Propaganda" ein "barbarisches" Bild der Germanen. Die Erzählungen über den Alltag der germanischen Stämme, ihre Kriegslust und ihr Aussehen erzeugten in den Köpfen der Römer ein Bild, das sicher faszinierte aber gleichzeitig Abneigungen vermittelte. Dieses Bild eines Germanen entwickelte für die Menschen des beginnenden 19. Jahrhunderts allerdings eine außergewöhnliche Anziehung, besonders da man die Stärke der Germanen durch die historischen Siege der Germanen sah (z.B. die Varusschlacht). Zudem zeigte es Menschen, die innerhalb der Lebensbedingungen des 18./19. Jahrhundert fremd waren und aufgrund ihrer scheinbaren Freiheit und Stärke eine immense Faszination ausübten. Wohl gerade dies bewirkte in Verbindung mit der Bildung einiger Staaten im 19. Jahrhundert die intesive Auseinadersetzung mit der Thematik und schuf eine hohe Identifikation.

In den römischen Quellen wurden kulturellen Differenzen offenkundig und kriegerischen Auseinandersetzungen mit den germanischen Stämmen schlugen sich statistisch betrachtet überproportional in ihnen nieder. Da zudem eine beachtliche Menge an "archäologsich" entdeckten römischen Militäreinrichtungen bekannt war schloss man im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert auf einen vermeintlich grundsätzlichen Antagonismus von "den Römern" und den "Germanen/Alamannen". Es entstanden Vorstellungen von brandschatzenden und plündernden Barbaren, die die mächtigen Römer regelmäßig überfielen. Viele hilflose Römer mussten aufgrund dieser stetigen Auseinandersetzungen aus ihrer Heimat fliehen, ihr Hab und Gut wurde geraubt oder im schlimmsten Fall wurden sie selbst erschlagen. Letztlich waren es nach damaliger Meinung alleine die Germanen und hier besonders die Alamannen, die samt Familie und Hausrat auf Wanderschaft waren und nach der Mitte des 3. Jahhrunderts n. Chr. in "Barbarenstürmen" den Limes niederrangen. Kurzum: Unter der militärischen Macht geeinter Alamannen sei damals die römische Herrschaft im heutigen Südwestdeutschland jenseits des Rheins zusammengebrochen.

In Schulbüchern oder sogar in modernsten TV-Dokumentationen renommierter internationaler Fernsehkanäle ist sichtbar, dass dieses ursprünglich im 19. Jahrhundert erzeugte Zerrbild bis in jüngste Zeit Einzug in populäre Medien hält. Doch die moderne archäologisch-historische Forschung zeigt, dass dieses einfache Bild der alamannischen Lebenswelt und der römisch-alamannischen Beziehungen nicht mehr mit der komplexen Realität der Vergangenheit in Einklang zu bringen ist. Klar ist heute, dass zur Erschließung der Vergangenheit alleine die Betrachtung einer einzigen Quellengattung nicht mehr ausreichend ist und letztlich alleine die Zusammenarbeit von Historikern, Archäologen, Archäobotanikern, Archäozoologen, Geologen und experimentellen Archäologen einen Aufschluss über mögliche Gegebenheiten vergangener Zeiten geben kann. Römische Quellen kannten nur die römisch geprägte Sicht. Zu Diesem Manko gesellt sich, dass schriftliche Quellen im Laufe der Geschichte regelmäßig abgeändert wurden. Der Zusammenarbeit von Archäologie und ihren Nachbarwissenschaften ist es schließlich zu verdanken, dass man heute ein realistischeres Bild vermitteln kann, wie die Alamannen lebten, welches Verhältnis sie zu den Römern pflegten, wer sie waren, wo ihre Wurzeln lagen und wann sie erstmals auf die historische Bühne Südwestdeutschlands traten.

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